ZWISCHENZEITEN UND ÜBERGÄNGE

Rosa Lachenmeier nimmt uns mit auf einen Stadtspaziergang durch die eindunkelnde Nacht.

I
m Mittelpunkt wollten sie eigentlich nicht stehen, dort im hinteren Raum an einer Wand: Intime kleine Bilder von Rosa Lachenmeier, im Zentrum das Porträt ihrer toten Mutter, fotografiert in Schwarz und Weiss, bearbeitet mit Kaffee, Wachs oder rotem Wein. Drei Wochen lang hatte die Basler Künstlerin sich vor drei Jahren mit dem letzten Bild ihrer Mutter im Atelier regelrecht eingeschlossen, nahm auf ihre Weise Abschied von einem Teil ihres Lebens. Unbeabsichtigt und spontan, wie auch das Foto entstanden war. Um Kunst ging es damals in keiner Weise. Um das Verschwinden des Bildes ging es, um die Beschäftigung mit dem was bleibt.

Dynamik. Unser Auge sucht sich gerne einen Fokus. Gesichter sucht es sich dafür mit Vorliebe aus. Möglicherweise faszinieren uns jene Bilder von Rosa Lachenmeiers Mutter stärker als der Hauptteil der Ausstellung, weil in den restlichen Werken bewusst auf den Fokus verzichtet wird. Auch hier, wie immer in Lachenmeiers Werk, steht die Fotografie als Aus-
gangspunkt. Bilder einer Stadt, entstanden in jener Zeit, wo die Dunkelheit dem Tag das Helle raubt und viele Lichter es ihm zurückzugeben suchen. Verfrem-
dete Ansichten, zerrissen, aufgeklebt, übermalt. Die Leinwand kennt keinen Anfang und kein Ende, Lichtpunkte setzen sich kontinuierlich fort. In der Mitte des Gemäldes kann das Bild neu beginnen. Die Zentrumslosigkeit hat etwas Dynamisches, erzählt und von Übergängen, nimmt uns mit und lässt uns gleichzeitig zurück.

Karen N. Gerig
Aus:
Basler Zeitung vom 31. Mai 2007

839, Lichtpunkte, 50x50 cm.
Bild aus der Serie „Zwischen Tag und Nacht“